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 KaKi Kunst


 
 
 
Der Mensch im klitschnassen Schlafsack

Bin auf dem Weg zum Friseur, mit vollem Bauch und Gedanken, die sich nur ums Essen drehen. Mit schnellen Schritten, bloß keine Minute verlieren. Vorbei an Autos, Menschen, angeleinten Tieren, Ampeln, Bussen. Ich laufe, um Bewegung zu kriegen und um Geld zu sparen. Ganze 1,60 für eine Kurzstrecke zum Hackeschen Markt. Dann kreisen die Gedanken wieder nur ums Essen. Ich überlege, meine Maiswaffel mit Lachs und frischer Paprika aus der Tasche zu nehmen, lasse es aber. Erstens ist es zu anstrengend, die Kopfhörer aus dem Ohr zu nehmen, um die Tasche über den Kopf heben zu können, sie zu öffnen, mich zum Essen durchzuarbeiten, es auszupacken und mitten im morgendlichen Verkehr zu verzehren. Und zweitens esse ich es lieber kurz vor meinem Friseurbesuch. Dann ist die Pause zwischen den Mahlzeiten nicht zu groß. Den Autolärm und die von Abgasen neblige Luft am Alex lasse ich geschwind hinter mir und tauche ein ins ungemütliche Business-Zentrum der Stadt. Hier nur gelackte Leute mit erhabenen, finsteren Mienen, gut beschuht und noch besser betucht, so kommen sie rüber am U-Bahnhof Weinmeisterstraße. Ich rücke meine Mütze zurecht, ziehe die Schultern hoch, es fröstelt mich. Innerlich wegen der Menschen hier, äußerlich, denn es sind keine drei Grad, es ist diesig, ein scharfer Wind faucht. Vorbei am Porsche Store und einigen Restaurants erreiche ich das Nobelviertel um die Hackeschen Höfe. Große, breite Schaufenster links und rechts der Straße. Dann ein klitschnasser Schlafsack, in dem offenbar jemand ruht, auf einer der breiten Fensterbänke. Neben ihm auf dem Boden eine Papiertüte von Starbucks. Ich laufe langsam weiter, vor mir schon der Lagerfeld Store kurz vor meinem Friseur. Ich packe mein Essen aus, bleibe bei Clarks stehen, sehe mir die ausnahmslos hässlichen Schuhe im Schaufenster an und beiße in mein vom Lachs aufgeweichtes Maisbrot mit frischer Paprika. Zehn vor zehn, sagt der Typ im Radio. Ich kaue langsam, wichtig, sagt die Ärztin, wegen meiner Magen-Darm-Problematik. Nachdem ich mein zweites Frühstück an diesem Morgen aufgegessen habe, gehe ich zum Friseur rein, grüße freundlich, lege ab und lass mich zwei Stunden lang verwöhnen. Waschen, schneiden, dann Blaulicht draußen. Ein Krankenwagen. Er hält direkt vorm Friseurladen. Was ist passiert? Nicht, dass es der Mensch im klitschnassen Schlafsack ist, der da versorgt werden muss. Eigentlich kann es nur er sein. Scheiße! Hoffentlich lebt er noch. Ich kann nicht sehen, was draußen los ist, ich muss meinen Kopf beim Schneiden gerade halten. Ich sehe nur das Blaulicht im rechten Augenwinkel, bestimmt 20 Minuten lang. Dann fährt der Krankenwagen mit Sirenengeheul ab. Meine Friseuse im zweiten Lehrjahr verpasst meinem Haar den letzten Schliff, unterstützt von ihrem Ausbilder. Nur noch föhnen, dann geht es wieder zurück in mein kuscheliges Zuhause zu meiner Untertitelung einer Doku über drei Frauen in drei diktatorischen Staaten, die für ihre systemkritischen Blogs im Internet mit Freiheitsentzug, Folter und Ausweisung aus dem eigenen Land bezahlen mussten. Ich bezahle auch, danke meiner Friseuse, wünsche ihr einen schönen Tag, gehe hinaus und laufe vorbei an dem Schaufenster, in dem der Mensch im klitschnassen Schlafsack nun nicht mehr liegt. Gutbeschuhte Menschen mit Trolleys kommen mir entgegen. Ich hole mein drittes Frühstück aus der Tasche, setze meine Kopfhörer auf und gehe nach Hause.

 
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© Katrin Kittelmann